
28. April 2024
“Why you so obsessed with me?” – Antimuslimischer Rassismus
Nach alter Tradition
2024 ist Wahljahr. Im Juni wählen stimmberechtigte Europäer*innen das EU-Parlament. Obwohl der Wahlkampf auf den Straßen noch nicht begonnen hat, lohnt es sich schon jetzt einen Blick in die Europawahlprogramme zu werfen. Bemerkenswert ist, dass die AfD auch in diesem Jahr, wie schon bereits 2021 bei den Bundestagswahlen geschehen [1], dem Islam ein ganzes Kapitel ihres Programmes widmet – und das direkt zu Beginn des Dokumentes. Unter dem Titel “Fundamentalistischer Islam – Gefahr für Europa. Muslimischen Antisemitismus erkennen und bekämpfen” fokussiert die AfD traditionellerweise den Islam und Muslim*innen als Quelle allen Übels.
Das Kapitel ist übersät mit pauschalisierenden und antimuslimischen Narrativen. Dabei bemüht sich die AfD brav, alle Buzzwords und Unwörter des Jahres im Fließtext einzubauen. Die Bedrohung des Geistes der Freiheit und der demokratischen Werte, der anzunehmende gesellschaftliche Rückschritt durch den Islam, die Scharia als Schattenjustiz, der Islam als Nährboden für Kriminalität, alle Formen von Ehen (Kinderehen, Zwangsehen, Vielehen), Genitalverstümmelung durch Beschneidung und natürlich der Dauerbrenner: die Vollverschleierung.
Die AfD hängt sich rein, um die Angst vor dem Verlust der nationalen Identität aufrechtzuerhalten. Dabei erklärt sie, dass der Islam trotz Rückständigkeit und Unterentwicklung nach Macht und Kontrolle strebe. Den Widerspruch der sowohl berechnenden, raffinierten, hinterlistigen und zugleich primitiven, ungebildeten, einfältigen Muslim*innen gilt es auszuhalten.
Keine Notwendigkeit für verschlossene Türen
Das Wahlprogramm zeichnet sich durch seine gewaltvolle Sprache aus. Nicht nur werden Verteidigungskämpfe um “das Recht auf Leib und Leben” beschworen, auch bezeichnet die AfD die Migration von Migrant*innen als Form der hybriden Kriegsführung. Als Erkenntnis bleibt, dass es sich bei der Recherche von CORRECTIV aus dem Januar keineswegs um einen Geheimplan handelt, denn die Sehnsucht nach Remigrationsprogrammen wird nicht ausschließlich hinter verschlossenen Türen besprochen, sondern öffentlich und transparent auf Seite 17 des Wahlprogramms.
Auch spannend ist der Untertitel des Kapitels: “Muslimischen Antisemitismus erkennen und bekämpfen”. Durch eine schnelle Suche mit strg+f finden wir den Begriff Antisemitismus vier Mal im gesamten Text. Zuerst im Inhaltsverzeichnis, dann in der Zwischenüberschrift und zwei Mal im ersten Absatz des Kapitels.
Dort steht: “Die romantisierende Verklärung von Zuwanderung verstellt oftmals den Blick auf den neu in Erscheinung tretenden Antisemitismus in Europa, der seine Wurzeln im Islam hat. Wir fordern daher eine gesellschaftliche Ächtung jeglicher Form von Antisemitismus – ausdrücklich auch, wenn die Urheber im linken oder muslimischen Milieu zu verorten sind.”
Nachdem Muslim*innen und Linke als Ursache für den “neu auftretenden Antisemitismus in Europa” identifiziert werden, findet der Schutz von Jüd*innen oder die aufrichtige Bekämpfung von Antisemitismus keinen Platz mehr im Wahlprogramm. Per strg+f finden wir keinen Treffer für das Wort Jüd*innen (ungegendert natürlich), jüdisch oder Judentum. Dass sogenannte “Genitalverstümmelungen” in Form von Beschneidungen auch im Judentum als göttliches Gebot gelten, scheint belanglos zu sein. Da keine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema erfolgt, lässt sich nüchtern feststellen, dass es sich lediglich um die Bekräftigung des rassistischen Narratives des importierten Antisemitismus handelt.
Aber der Islam ist keine Rasse?
Korrekt! Menschenrassen existieren nicht und entbehren jeder biologischen Grundlage. Trotzdem wird der Begriff heute häufig noch so verwendet, dass angenommen wird, dass die Zugehörigkeit zu einer Ethnie/Nationalität gleichbedeutend sei mit der Zugehörigkeit zu einer Rasse. Hier ist Vorsicht geboten, denn: “das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung.“ [2]
Rassismus muss daher als ein System verstanden werden, das historisch Menschen aufgrund von äußeren Merkmalen in Güte-Kategorien klassifiziert. Dabei konstruieren sich weiße Menschen als überlegene Gruppe (Güteklasse 1 oder Energieeffizientklasse A+++), die aufgrund ihrer angeborener und angeeigneter Merkmale wie Rationalität und Vernunft das Recht besäßen, die unterlegenen Gruppen (Energieeffizientklasse G) zu dominieren und Gewalt an ihnen auszuüben. Auch heute werden Machtverhältnisse aufgrund der Zuschreibung klassischer rassistischer Kategorien wie Minderwertigkeit/ Überlegenheit oder moderner rassistischer Kategorien wie frei/unfrei, friedlich/gewaltvoll, demokratisch/undemokratisch legitimiert.
Antimuslimischer Rassismus ist eine Spielart des Rassismus, die Menschen entlang kultureller und religiöser Zugehörigkeiten kategorisiert und benachteiligt. Dabei werden Menschen, die als muslimisch identifiziert werden, unveränderliche, angeborene und negative Eigenschaften zugeschrieben. Wer als Muslim*in gilt, entscheidet sich in einer rassistischen Logik nicht nach der tatsächlichen Zugehörigkeit zum Islam, sondern anhand von phänotypischen Merkmalen. Das bedeutet, dass eine christliche Irakerin auch von antimuslimischem Rassismus betroffen sein kann, obwohl sie nicht muslimisch ist. Qua Merkmal Aussehen, fällt sie unter die Gruppe “der Anderen”.
Zusätzlich zur Essentialisierung (der Zuschreibung angeborener, unveränderlicher Eigenschaften) erfolgt eine Dichotomisierung, bei der Muslim*innen und Nicht-Muslim*innen als gegensätzliche Gruppen betrachtet und hierarchisiert werden. Muslim*innen werden oft als Bedrohung für die vermeintliche kulturelle und religiöse Identität der Dominanzgesellschaft dargestellt, was zu Ausgrenzungen und struktureller Diskriminierung führt. Um die Bedrohung zu manifestieren, werden muslimischen Menschen Attribute wie Gewalttätigkeit, Verfassungsferne, Kriminalität oder Intoleranz zugeschrieben.
Diese rassistischen Vorstellungen werden durch gesellschaftliche Diskurse und Medien verstärkt, die bestimmte Narrative über Muslim*innen verbreiten und deren negative Darstellung fördern. Antimuslimischer Rassismus manifestiert sich in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens, einschließlich der Politik, der Bildung, des Arbeitsmarktes und der Medien.
Die muslimische Frau
“Die Frau die sieht, ohne gesehen zu werden, frustriert den Kolonialherren. Es gibt keinerlei Gegenseitigkeit” [3]. Die Obsession der AfD mit dem Hijab der muslimischen Frau stellt eine Konstante in der Auseinandersetzung mit antimuslimischem Rassismus dar. Durch die Fokussierung auf die Verschleierung der muslimischen Frau wird ein Antagonismus zwischen der weißen, deutschen, freien und der muslimischen, verschleierten, unfreien Frau erzeugt. Häufig wird bei der Beschreibung muslimischer Frauen in rechten Diskursen auf kolonial-tradierte Bilder zurückgegriffen, in dem muslimische Frauen zum einen als Fundamentalistinnen erschaffen werden, die westliche Errungenschaften irritieren und bedrohen, und zum anderen als rückständige, hilflose und stimmlose Objekte. Die eigene Identität wird dabei, einer rassistischen Logik folgend, in völliger Abgrenzung zur muslimischen, verschleierten Frau erschaffen. Der Wunsch nach Entschleierung durch Hijab- und Niqabverbote (die AfD wünscht sich einen Umgang nach französischem Vorbild) reiht sich ein in die Tradition konsequenter und kolonialer Rassifizierungslogiken, in dem die muslimische Frau kulturelle, religiöse und politische Unterordnung verkörpert und somit die Anwendung asymmetrischer Gewalt durch Bekleidungsvorschriften legitim wird. Bekleidungsvorschriften für Jüd*innen und Muslim*innen gab es übrigens schon 1215, nachdem die römisch-katholische Kirche während des vierten Laterankonzils Bekleidungsverbote beschloss. Auch hier setzt die AfD auf altbewährte Praktiken.
Naz Al-Windi, MOSAIQ
MOSAIQ e.V. arbeitet rassismus- und machtkritisch und gibt marginalisierten Stimmen eine Plattform, sich in gesellschaftliche Diskurse einzumischen, diese zu hinterfragen und neu zu bestimmen. Weitere Infos unter https://mosaiq-ev.de/
[1] Im Wahlprogramm für die BTW 2021 ist das Kapitel zum Islam länger als zu den Themen: Freiheit und Verantwortung oder Wirtschaft.
[2] Aus der Jenaer Erklärung
[3] Fanon, Frantz (1959 {2017}: Der Schleier. Turia + Kant, Berlin

