Schon seit der Gründung der AfD 2013 wurde bund
esweit berichtet, dass die neue Partei Schnittmengen bezüglich der Wähler*innen, der Mitglieder und der Ideologie mit der extremen Rechten aufweisen könne. Das Handelsblatt titelte damals „AfD-Chef will NPD-Wähler gewinnen.“ „Ehemalige Mitglieder von NPD oder DVU lehnen wir generell als Mitglieder ab“, wurde der damalige Bundessprecher Bernd Lucke zitiert. Bei Ex-Republikanern würde jeder „Einzelfall“ in einem „persönlichen Gespräch“ geprüft. Dass die Partei weit rechts stehende Aktivist*innen anziehen würde, wie braune Scheiße die Fliegen, galt auch schon im Gründungsjahr für den Hamburger Landesverband. Der ehemalige FDP-Politiker Jürgen Greinert trat, trotz Listenplatz 5 zur Bundestagswahl, 2013 wieder aus der AfD aus: „Ich kann eine Partei nicht länger unterstützen, die es zulässt, dass Mitglieder aus Parteien mit rechtspopulistischen Motiven unkontrolliert aufgenommen werden.“ Der Gründer des Landesverbandes Hamburg, Jens Eckleben und andere würden „von der Parteiführung ungehindert islamkritische und meines Erachtens am rechten Rand fischende Blog-Einträge verfassen.“
Der Verfassungsschutz – eine unsichere Quelle
Bevor wir die weiteren personellen und organisatorischen Bezüge der AfD zur extremen Rechten analysieren, müssen wir jedoch kurz auf die behördliche Sichtweise des Verfassungsschutzes (VS) eingehen. Der VS bedient sich eines normativen Ansatzes, der wesentlich enger gefasst ist, als unterschiedliche Erklärungsmodelle für Rechtsextremismus in der Wissenschaft. Trotzdem ist in den Medien und in der Politik meistens der normative Ansatz gemeint, wenn von Rechtsextremismus die Rede ist. Wir sprechen lieber von der extremen Rechten, denn es gibt rechts des etablierten Konservatismus viele Organisationen, die ebenfalls Ideologeme der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (Heitmeyer) vertreten, allerdings nicht als „gesichert rechtsextremistische Beobachtungsobjekte“ der Geheimdienste eingestuft werden. Der verstorbene Faschismusforscher Prof. Reinhard Kühnl führte diese nicht nur semantische Unterscheidung schon 1993 in den Diskurs ein. „Ich spreche von der ‚extremen Rechten‘, weil damit ausgedrückt wird, dass es sich um eine extreme Form der Rechten handelt, dass also gemäßigte und extreme Rechte Wesentliches gemeinsam haben. Missverständlich scheint mir der Begriff des ‚Rechtsextremismus‘, weil er nahelegt, dass es sich um eine Form von Extremismus handelt, die es eben in zwei verwandten Varianten gibt, einer rechten und einer linken. Unversehens kann man damit auf dem Boden der Totalitarismustheorie landen.“ Doch die aus dem Kalten Krieg stammende Totalitarismustheorie gilt inzwischen in der Wissenschaft als überholt, zu unterschiedlich sind die Geschichte, die Ideologie und die Ziele von Sozialismus und Faschismus. Will man jetzt auch noch den islamischen Fundamentalismus, die Reichsbürger-, und die Verschwörungsideogie der Corona-Leugner*innen mit dem Begriff Extremismus analysieren, wird deutlich, wie untauglich dieser sowohl in der wissenschaftlichen wie auch der politischen und medialen Auseinandersetzung bleiben muss. Wenn wir im Folgenden von Rechtsextremist*innen schreiben, so nur, wenn diese auch Mitglied in einer vom VS so eingestuften Organisation waren. Ansonsten benutzen wird den Oberbegriff „extreme Rechte“. Neonazistisch sind Personen oder Organisationen, welche sich in direkte Tradition des NS-Regimes begeben, neofaschistisch wenn sich diese auf andere Strömungen des europäischen Faschismus beziehen.
Abgesehen von der stark eingeschränkten, normativen Sicht des VS ergeben sich jedoch auch weitere Probleme bei tiefergehenden geheimdienstlichen Analysen, denn der VS arbeitet, wie sein Name sagt, im Geheimen und liefert nur ungerne Quellenbelege für seine Einschätzungen. Die AfD wird auf Bundesebene seit 2021 als „Verdachtsfall“ auf rechtsextremistische Bestrebungen eingestuft, der zweithöchsten Stufe, zwischen Prüffall und Beobachtungsfall. Für die meisten Landesverbände gilt auch der Verdachtsfall, in einigen ostdeutschen Bundesländern gilt die AfD inzwischen als „gesichert rechtsextremistisch“. In Hamburg will der Geheimdienst jedoch gar keine Auskunft geben, auch nicht, ob die Partei Verdachtsfall ist und damit auch mittels geheimdienstlicher Methoden überwacht werden darf. Der VS könnte darüber Auskunft geben, wenn er wollte, ist dazu allerdings nicht gesetzlich verpflichtet. Gleiches gilt für die Junge Alternative (JA), die Jugendorganisation der AfD. Sie gilt in allen ostdeutschen Ländern als gesichert rechtsextremistisch, viele westdeutsche Länder erklären sie zum „Verdachtsfall“, ebenso das Bundesamt für Verfassungsschutz den Bundesverband JA, nur in Hamburg erklärt man gar nichts und schweigt.[1]
Viele Wissenschaftler*innen und Journalist*innen ordnen die AfD bei der Strömung der sog. „Neuen Rechten“ ein. Der Hamburger Geheimdienst hatte jedoch 2010 die Neue Rechte als eigenständige Kategorie bei der Berichterstattung im Bereich „Rechtsextremismus“ abgeschafft, einen Aufklärungsartikel von der hauseigenen Homepage gelöscht und behauptet diese Strömung hätte keine Bedeutung mehr. Trotzdem fand der Begriff seit 2010 nicht nur als Eigenbezeichnung (z.B. vom Institut für Staatspolitik, IfS) Verwendung, sondern wurde in der sozialwissenschaftlichen Forschung, der Politik und in den Medien rege genutzt. Schon 2010 ff. hatten Bewegungen, die der Neuen Rechten zugerechnet werden, Bedeutung in Hamburg wie z.B. Burschenschaften und andere Korporationen oder die Identitäre Bewegung. Erst ab 2016 arbeitete der VS Hamburg wieder mit diesem analytischen Begriff.[2]
Über viele Gruppen und Organisationen der extremen Rechten berichtet der Hamburger VS also nicht gegenüber der Öffentlichkeit. Nachfragen zu konkreten Personen, selbst exponierten Akteuren bleiben ebenso meistens mit Berufung auf ein angeblich zu wahrendes Staatswohl unbeantwortet. Dabei hat der Geheimdienst durchaus auch prominente Einzelpersonen auf dem Kieker. 2019 wurde ein vertrauliches „Gutachten zu den tatsächlichen Anhaltspunkten für Bestrebungen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung in der ‚Alternative für Deutschland‘ und ihren Teilorganisationen“ des BfV durchgestochen in dem auch Personen mit Hamburg-Bezug namentlich mit Einschätzungen aufgeführt werden: Der Bundestagsabgeordnete Jörg Schneider, der Bürgerschaftsabgeordnete Alexander Wolf, der Pressesprecher Robert Offermann und der Fraktionsmitarbeiter Torsten Uhrhammer. Die Informationen zu den vier Personen, wurden allerdings, bis auf die zu Wolf, sämtlich vom HBgR recherchiert, an die Medien gegeben und dann wiederum vom BfV aufgegriffen.[3]
Die Geheimniskrämerei geht so weit, dass der Hamburger Verfassungsschutz lieber vor dem Verwaltungsgericht Hamburg einen Prozess gegen die AfD verliert, als seine Quellen offen zu legen.[4] Die Schlapphüte hatten 2021 der „gesichert rechtsextremistischen“ Teilorganisation „Der Flügel“ in Hamburg 40 Personen in ihrem jährlichen Verfassungsschutzbericht zugerechnet. Ob dieses den Tatsachen entspricht, konnte das Gericht im Hauptsacheverfahren 2024 nicht prüfen, da der Geheimdienst im Wesentlichen nur geschwärzte Quellen vorlegte. Laut Urteil behauptete der VS zwar, dass seine Einschätzungen zum Flügel zum größten Teil aus öffentlichen Quellen stammen, hauptsächlich Social Media, welche dies sind, wollte er jedoch dem Gericht nicht erläutern. Folglich darf die Innenbehörde nun keine Angaben zur Größe des „rechtsextremistischen“ Personenpotentials beim Flügel machen. Der entsprechende Bericht musste gelöscht werden.[5] AfD-watch Hamburg hat zwar auch nur öffentliche Social-Media-Quellen für seinen Beitrag über den Flügel benutzt, kommt auf eine ähnliche Personenzahl und nennt sogar viele Namen und Funktionen bei der AfD, einen Gerichtsprozess haben wir deswegen allerdings nicht verloren.[6]
Die Gründungsjahre – mit ehemaligem NPD-Spitzenkandidat
Der von Bernd Lucke eingesetzte Gründungsbeauftragte für den Hamburger Landesverband der AfD, Jens Eckleben, hatte nicht nur rassistische Einstellungen, sondern auch einen Vorlauf in der islamfeindlichen und rechtspopulistischen Kleinstpartei „Die Freiheit“ Da diese wegen zunehmender Radikalisierung als parteipolitisches Projekt verbrannt war, traten viele Mitglieder bundesweit mit Gründung der AfD bei. Als diese rechte Unterwanderung öffentlich wurde, verhängte Lucke einen Aufnahmestopp. Die schon eingetretenen Ex-Freiheitler*innen durften jedoch bleiben und Eckleben sorgte in den Anfangsjahren kontinuierlich für extrem rechte Propaganda in Hamburg. Ein weiteres Ex-Vorstandsmitglied der Freiheit und ebenfalls Gründungsmitglied der AfD sollte dann als „AfD-Hooligan“ in die Schlagzeilen kommen. Claus D. hatte zusammen mit dem AfD-Gründungsmitglied Tatjana F. 2014 an einem gewalttätigen, rechten Hooligan-Aufmarsch in Köln teilgenommen und dies nachträglich gerechtfertigt.
Am rechten Rand wollte 2013 auch schon Kay Gottschalk fischen, damals noch Hamburger Funktionär, inzwischen Bundestagsabgeordneter, als er bei der Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft e.V. (SWG) zum Thema „Was ist die Alternative für Deutschland?“ sprechen sollte. Als dies öffentlich wurde, sagte er ab. Die SWG wurde noch von ehemaligen Altnazis gegründet und betreibt seit 1962 Bildungsarbeit für die extreme Rechte.
Auch AfD-Chef Dirk Nockemann hatte bei der Gründung des Landesverbandes schon einen rechten Vorlauf. Nachdem der ehemalige Innensenator der Schillpartei aus der Bürgerschaft flog, versuchte er sich mit mehreren rechten Kleinstparteien. So tauchte er z.B. schon 2010 bei einer Veranstaltung der rechtsextremistischen Partei „Pro Deutschland“ auf, die plante in Hamburg zu kandidieren.[7]
Langjähriger Begleiter von Dirk Nockemann war Björn J.Neumann. 2004 als Kandidat der Schillpartei und 2008 für Nockemanns damalige „Deutsche Zentrumspartei“. 2011 trat Neumann dann jedoch als Spitzenkandidat der NPD in Hamburg an und 2013 griff er einen Journalisten beim Besuch einer neonazistischen Burschenschaft an, die eine blutige Säbelmensur durchführte. All das dürfte AfD-Funktionär Nockemann bekannt gewesen sein, als Neumann bei der AfD tätig wurde. Da die AfD eigentlich einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit ehemaligen NPD-Leuten hat, hätte Neumann gar nicht Mitglied werden dürfen. Er konnte jedoch, trotz vorhergehender Warnungen sogar 2017 noch für den Bundesvorstand der AfD kandidieren.[8]
Am bekanntesten ist jedoch der Vorlauf des zweiten Mannes der Hamburger AfD, Alexander Wolf. Er hat eine jahrzehntelange Sozialisation in der völkischen „Burschenschaft Danubia“ erfahren, deren aktive Mitglieder vom Verfassungsschutz beobachtet werden. 2017 kam dann heraus, dass er dort schon 1994 ein Buch mit Naziliedern unter dem Titel „Der Schlachtruf“ herausgegeben hatte. Wolf war früher außerdem Mitglied der extrem rechten Republikaner und Mitbegründer deren Studierendenorganisation „Republikanischer Hochschulverein.“[9]
Lauter Einzelfälle?
2015 kandidierte mit Karina W. eine Reichsbürgerin für die Hamburger AfD zur Bürgerschaftswahl. Sie war Mitglied in einer geheimen Facebookgruppe namens „Königreich Vereintes Deutschland“. In der Selbstbeschreibung der Gruppe hieß es unter dem Titel Proklamation: „Der Staat, Deutsches Reich wurde von den Alliierten Besatzungsmächten durch die Verhaftung der letzten Regierung am 23.05.1945 (der Verhaftung von Hitler-Nachfolger Admiral Karl Dönitz – unsere Anmerkung) lediglich handlungsunfähig gestellt… Wann immer der Begriff ‚Deutschland’ in völkerrechtlichen Zusammenhängen verwendet wird, ist das Gebiet des Deutschen Reiches vom 31.12.1937 gemeint.“[10]
Während W. nicht Abgeordnete wurde, schaffte es der Arzt Ludwig Flocken in die Bürgerschaft und fiel dort durch gehäufte rassistische Ausfälle auf. Flocken wurde wie Wolf durch Personenstimmen gewählt und hätte es über Listenstimmen nicht ins Parlament geschafft. Beide, Flocken und Wolf, waren schon vor der Wahl durch ihre besonders rechten Aussagen bekannt geworden und dafür von den AfD-Wähler*innen belohnt worden. Dies zeigte schon 2015, dass die AfD bzw. exponierte Politiker*innen nicht trotz, sondern gerade wegen ihres Rassismus gewählt werden. Als Flockens Ausfälle in der Bürgerschaft zu beleidigend wurden, er mehrfach von Sitzungen ausgeschlossen wurde und er außerdem an von der NPD organisierten Aufmärschen in Mecklenburg-Vorpommern als Redner teilnahm, musste Flocken die Fraktion 2016 verlassen, durfte jedoch bis 2020 in der Partei bleiben.[11]
Auch unter den Mitarbeitern der Fraktion fanden sich immer wieder Personen, die einen Vorlauf in der extremen Rechten hatten. In der ersten Legislaturperiode waren dies die Mitarbeiter Thorsten Uhrhammer (Ex-DVU) und Justus Burgdorf, der aus der schlagenden Verbindung „Landsmannschaft Mecklenburgia Rostock“ kommt. Die beiden Männer organisierten 2009 eine Reihe rechtsintellektueller Bildungsveranstaltungen, deren Vortagsliste sich wie ein Who’s who der Neuen Rechten liest.[12]
Aus der schlagenden Burschenschaft „Germania Marburg“ kommt der Pressesprecher der Hamburger AfD, Robert Offermann. Er schrieb seine Diplomarbeit über die faschistischen Vordenker der sog. „Konservativen Revolution“ in der Weimarer Republik und bewarb auf seinem Twitter-Profil ein Buch des Rechtsterroristen Dominique Venner. 2009 nahm Offermann an dem bis dato größten Nazi-Aufmarsch seit 1945 in Dresden teil. Veranstalter war die rechtsextremistische, NPD-nahe „Junge Landsmannschaft Ostpeußen“ (JLO). Gehackte E-Mails legen nahe, dass Offermann 2012 Mitglied der JLO war. Eidesstattlich dementieren wollte er dies gegenüber dem Hamburger Abendblatt lieber nicht. Und die Fraktionsspitze schwieg dazu, obwohl die AfD einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit der JLO hat.[13]
Auch außerhalb Hamburgs machen AfDler Karriere, die einer rechtsextremistischen Organisationen aus Hamburg angehören. Die „Hamburger Burschenschaft Germania“ ist seit 2013 Beobachtungsobjekt des VS Hamburg. Ihr gehör(t)en mehrere Alte Herren (AH) an, die inzwischen für die AfD außerhalb von Hamburg in Parlamenten oder Parteifunktionen sitzen. In Freiburg ist dies z.B. der AH Detlef Huber, der als Stadtrat für die AfD tätig ist. Am weitesten brachte es jedoch der AH der Germania Jörg Schneider. Er wurde 2017 als erster Abgeordneter einer rechtsextremistischen Organisation seit 60 Jahren in den Bundestag gewählt. Für die AfD im Bundestag arbeitet auch Schneiders Germanen-Bruder Mario Walther Brockmann, er ist Grundsatzreferent von AfD-Chefin Alice Weidel.[14]
Der Germania-Kontext ist auch deshalb von besonderem Interesse, weil die Burschenschaft seit über 100 Jahren völkische Inhalte vertritt und in ihrem Haus seit Jahrzehnten Schulungs-Veranstaltungen stattfinden. Sogar Wehrsportübungen an denen Mitglieder der Identitären Bewegung (IB) teilnahmen fanden im Germanenhaus statt. Trainer war der ehemalige Personenschützer von Ronald Schill Thomas Gardlo, Kontakte der IB bestanden in Hamburg damals vor allem zur Jungen Alternative.
Auch bei der zweiten Organisation, neben der Germania, welche für völkische und geschichtsrevisionistische Bildung in Hamburg zuständig ist, ist die AfD mit dabei. Die Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft e.V. (s.o.) wird seit 2023 vom VS beobachtet.[15] Der Hamburger Regionalverantwortliche ist seit 2018 Miguel Venegas, der in Harburg stellvertretender Vorsitzender des Bezirksverbandes der AfD ist. Schon im Juni 2016 besuchte Venegas eine SWG-Veranstaltung gemeinsam mit dem damaligen NPD-Landesvorsitzenden Thomas „Steiner“ Wulff und lauschte einem Vortrag des Geschichtsrevisionisten Dr. Stefan Scheil. Für den 11.12. 2024 lud Venegas seinen Parteifreund Andreas Ehlers zum Vortrag bei der SWG über „Neue Ethik“ ein. Ehlers sitzt als Abgeordneter der AfD in der Bezirksversammlung Harburg.
Aufmärsche von AfD, Hooligans, NPD und Identitären
Aufgrund des starken antifaschistischen Protestes wagt die Hamburger AfD schon seit Jahren keine eigenen Aufmärsche in der Stadt zu veranstalten. Als ein Personenkreis um den Wehrsporttrainer Thomas Gardlo, der selbst einen Vorlauf im Umfeld der verbotenen FAP hat, 2018 begann Kundgebungen unter dem Titel „Merkel muss weg“ (MMW) durchzuführen, war die AfD jedoch schnell mit dabei. Der Hamburger Landesverband rief zu den Versammlungen auf, einfache Mitglieder, aber auch Funktionäre der Partei beteiligten sich an diesen und übernahmen teilweise logistische Aufgaben und die Fraktion begleitete durch verharmlosende Anfragen und entsprechende Propaganda die rechten Versammlungen.[16]
Gegenüber der Öffentlichkeit war die Fraktion jedoch bemüht Distanz zu halten, denn die Kundgebungen wurden schon sehr früh auch vom VS beobachtet. Als jedoch 2021 ein Foto aus 2018 vom NDR-Info veröffentlicht wurde, dass den Hamburger AfD-Chef Nockemann in trauter, gut gelaunter Runde mit Thomas Gardlo und weiteren Mitgliedern des Organisationsteams von MMW zeigte, wurde deutlich, dass es auch in Hamburg eine enge Kooperation zwischen der AfD und militanten Neonazis gibt – ähnlich wie bei PEGIDA in Ostdeutschland.[17]
Der Fraktionsmitarbeiter Benjamin Mennerich nahm ebenfalls an den MMW-Aufmärschen teil und wurde von eigenen Parteifreunden in schriftlichen Stellungnahmen der Relativierung des Holocausts bezichtigt. Die AfD nimmt ihn jedoch weiterhin in Schutz. Zur Bürgerschaftswahl 2025 kandidiert Mennerich auf Platz sieben. Zieht also demnächst ein Holocaustrelativierer in Hamburgs Bürgerschaft ein?[18]
Mitarbeiter der Fraktion ist auch Michael Schumann, der 2024 für die Wahl zum Europaparlament kandidierte. Er hielt beim Bundesparteitag der AfD 2023 eine rassistische Bewerbungsrede in der er die gewaltsame Deportation von Menschen mit Migrationsgeschichte forderte und den von der Identitären Bewegung bekanntem völkischen Mythos eines angeblichen „Großen Austausches“ der biodeutschen Bevölkerung bediente. 2024 wurde dann von AfD-watch Hamburg veröffentlicht, dass Schumann früher an Aktionen der Identitären Bewegung teilnahm.[19] Schumann kandidiert auf Platz 12 zur Bürgerschaftswahl 2025. Sowohl Schumann, als auch Justus Burgdorf sind Mitglieder der schlagenden Verbindung „Landmannschaft Mecklenburgia Rostock.“
Wie geht die AfD mit extremen Rechten in den eigenen Reihen um?
Offiziell hat die AfD immer noch einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit ehemaligen Mitgliedern von Organisationen die vom Bundesamt oder den Landesämtern für Verfassungsschutz (BfV und LfV) als „extremistisches“ Beobachtungsobjekt eingestuft werden oder, sollten sie inzwischen aufgelöst worden sein, wurden. Diese Liste wird laufend aktualisiert und bezieht sich im Wesentlichen auf die Organisationen, welche in den Registern der Jahresberichte des BfV und der LfVs aufgeführt wurden oder werden.[20] Allerdings macht die AfD einige bedeutende Ausnahmen: Die vor der AfD bisher erfolgreichste Partei der extremen Rechten, „Die Republikaner“, werden z.B. nicht aufgeführt, obwohl sie von 1992 bis 2006 vom BfV beobachtet wurde. Auch Burschenschaften die von einzelnen LfV beobachtet werden, finden sich nicht in der Liste, so z.B. die Hamburger Burschenschaft Germania. Dann gibt es Fälle, wie die Identitäre Bewegung, die zwar gelistet wird, deren Unvereinbarkeit aber oftmals übergangen wird. So arbeiten einige ehemalige Aktivisten der IB sogar im Bundestag für die AfD-Fraktion.[21]
Wenn Mitglieder oder gar Funktionäre mit eindeutiger brauner Vergangenheit erstmal aufgenommen wurden, dann werden diese meistens weiter geduldet, Parteiausschluss-Verfahren finden nur statt, wenn der öffentliche Druck sehr hoch wird, werden verschleppt und dauern mehrere Jahre, wie der Hamburger Fall Björn J. Neumann zeigt, der 2011 Spitzenkandidat der NPD in Hamburg war, 2014 ohne Probleme in der AfD tätig war, im gleichen Jahr deswegen in der Öffentlichkeit stand, aber erst 2018 ausgeschlossen wurde. Zuständig für Parteiausschlüsse sind wie in allen Parteien die Parteischiedsgerichte. Und da wurde in Hamburg 2020 just die Rechtsanwältin Ulrike K. als stellvertretende Richterin hineingewählt. Ulrike K. war früher jedoch nicht nur in einer rechtsextremistischen Organisation aktiv, sondern sogar in einer, die vom Innenministerium verboten wurde. Der Hamburger AfD war diese ehemalige Mitgliedschaft in der „Wiking-Jugend“ vor der Wahl von K. bekannt.[22]
[1]Bürgerschaftsdrucksache 22/13793
[2]Bürgerschaftsdrucksache 21/8060
[3]https://netzpolitik.org/2019/wir-veroeffentlichen-das-verfassungsschutz-gutachten-zur-afd/
[4]https://www.abendblatt.de/hamburg/politik/article406457659/hamburger-afd-erringt-erfolg-gegen-den-verfassungsschutz.html
[5]https://justiz.hamburg.de/resource/blob/936080/a4ff624a51e852867e1c548b139887bb/17-k-2903-21-urteil-vom-29-05-2024-data.pdf
[6]https://afd-watch-hamburg.org/netzwerk/der-fluegel/
[7] https://afd-watch-hamburg.org/akteurinnen/buergerschaftsabgeordnete/dirk-nockemann/
[8] http://www.hbgr.org/6756-ehemaliger-npd-spitzenkandidat-ist-seit-vier-jahren-mitglied-der-hamburger-afd
[9] https://afd-watch-hamburg.org/akteurinnen/buergerschaftsabgeordnete/alexander-wolf/
[10] http://www.hbgr.org/aktuelle-meldungen/5772-die-afd-kandidatin-und-das-deutsche-reich-in-den-grenzen-von-1937
[11]http://www.hbgr.org/6524-rassist-ludwig-flocken-weiterhin-in-afd-gut-integriert
[12] https://www.zeit.de/hamburg/politik-wirtschaft/2016-11/afd-hamburg-landtag-fraktion-rechtsextremismus
[13]https://www.abendblatt.de/hamburg/article403937333/extremisten-in-der-afd-geheime-mail-wirft-fragen-auf.html
[14]http://www.hbgr.org/7419-rechtsextreme-im-bundestag-der-hamburger-kontext
[15]https://www.abendblatt.de/hamburg/politik/article239672287/Rechtsextreme-SWG-in-Hamburg-Schluss-mit-Steuervorteilen.html
[16]https://afd-watch-hamburg.org/netzwerk/extrem-rechte-aufmaersche/
[17] http://www.hbgr.org/7331-afd-chef-nockemann-und-die-braunen-strassenkaempfer
[18]https://taz.de/Interner-AfD-Streit-ueber-Antisemitismus/!5749268/
[19] https://tinyurl.com/mrye22vk
[20] https://www.afd.de/wp-content/uploads/2024/11/Unvereinbarkeitsliste-Mitgliedschaft-AfD-2024_10_28.pdf
[21]https://www.tagesschau.de/investigativ/br-recherche/afd-bundestag-rechtsextreme-mitarbeiter-100.html
[22]https://www.hbgr.org/7243-afd-schiedsrichterin-mit-brauner-vergangenheit

